51

Prügel für Wehrlose

Montag gegen 19 Uhr am Breidtscheidplatz: Sobald sich irgendwo Demonstrantengruppen bilden, werden sie von der Polizei auseinandergetrieben. Ich stehe vor der Gedächtniskirche, um die Entwicklung aus nächster Nähe zu beobachten. Polizisten kommen auf mich zu. Sie fordern mich auf, den Platz zu verlassen. "Ich bin vom ABEND", erkläre ich und ziehe meinen Presseausweis. Ein Polizist versucht, mich mit dem Schild zur Seite zu drängen. Ich protestiere: "Sie behindern mich in meiner Berichterstattung. Geben Sie mir Ihre Dienstnummer."

Der Polizist dreht ab. Ich wende mich an einen anderen Beamten, der die ganze Zeit daneben stand. Er soll seinen Kollegen auffordern, mir die Dienstnummer zu geben. Auch er dreht ab. Fast drei Stunden später. Die Auseinandersetzungen haben sich zum Wittenbergplatz verlagert. Die Polizei treibt die Demonstranten die Kleiststraße entlang in Richtung Nollendorfplatz. Ich bin hinter den Fronten. Auf dem Bürgersteig sitzt eine Frau mit einer Platzwunde am Kopf. Vier junge Leute kümmern sich um sie.

Als ein Nachzügler-Trupp Polizisten vorbeirennt, schreit jemand: "Ihr Schweine!" Die Polizisten reagieren sofort und rennen auf uns zu. Erschrocken ziehe ich meinen Presseausweis und halte ihn hoch. "Was ist das? Ich kann das nicht lesen", schreit einer der Beamten, dem ich den Ausweis vor die Nase halte, und rammt mir sein Schild gegen die Schulter. Kurz nach 22 Uhr am Kleistpark. Die Polizei hat die Demonstranten auseinandergetrieben. Ich bin in einer Telefonzelle und rufe die Redaktion an.

Auf einem Mäuerchen unmittelbar vor der Zelle sitzt eine Frau. Plötzlich stoppt ein Mannschaftswagen. Polizisten springen heraus und räumen mit dem Schlagstock den Bürgersteig. Ein Polizist läuft an der Telefonzelle vorbei - und schlägt der Frau, die sich nicht rührt, mit dem Gummiknüppel auf den Kopf. BRUNO RIEB

 

Lieber Abend Leser

Gestern abend fühlte ich mich an die Schwabinger Krawalle von 1962 erinnert. Damals schrieb ich In der Münchner "Abendzeitung" einen Kommentar, der ein wenig Furore machte. Der Titel: "Unvernunft zu Pferde".
Gestern in Berlin waren keine Pferde, aber wieder die Unvernunft auf der Straße. Ich hätte nicht in der Uniform eines malträtierten Polizisten stecken mögen, aber auch nicht in der Haut eines jener Demonstranten, die für die Hausbesetzer schrien: "Eins, zwei, drei, laßt die Leute frei."
Ich habe aus unseren ABEND-Redaktionsräumen am Tauentziehn hinuntergeschaut zur Gedächtniskirche und habe nicht glauben wollen, daß soviel Unvernunft auf beiden Seiten möglich ist.
Denn weder die oft wahllos herumschlagenden

Polizisten, noch die bewußt provozierenden Demonstranten sind schuld an der mißlichen Wohnungssituation. Es sind die verantwortlichen Politiker dieser Stadt, was der ABEND schon gesagt hat.

Und es kommt hinzu, daß Berlin einen Polizeipräsidenten namens Hübner hat, der nicht in der Lage ist, seine Beamten psychologisch so vorzubereiten, daß sie sich eben nicht provozieren lassen. Ich meine: Dieser Mann sollte sich selber ablösen.

Herzlichst

 

Geräte lädiert
NEUE-Fotograf festgenommen (Neue, 17.12.80)

BERLIN-WEST (AZ). Montagabend gegen 19 Uhr 45 an der Westberliner Gedächtniskirche: die beiden Fotographen Thomas Müller und Michael Wilke fotografieren u.a. auch im Auftrag der NEUEN die Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten. Plötzlich werden beide von je vier Zivilpolizisten, die sich nicht ausweisen, von hinten in der Würgegriff genommen. Hinweise auf den Pressestatus, Fragen nach Namen oder Dienstnummern werden mit Drohungen beantwortet: "Seid ruhig, sonst schlag ich Euch die Köpfe zusammen!" Im Mannschaftswagen wird den beiden neben den Personalausweisen auch das Fotogerät weggenommen. Nach einer Stunde in einer Zelle des Polizeireviers Moabit, Invalidenstraße 21, (Abschnitt 34), erhalten sie die Geräte lädiert zurück. Eine Anzeige wegen Sachbeschädigung wird nicht entgegengenommen. Mündlich wird beiden mitgeteilt, daß eine Strafanzeige wegen schweren Landfriedensbruches demnächst mit der Post käme. Es wird kein Protokoll angefertigt. Nichts Schriftliches. Die Wachhabenden auf dem Revier erklären sich für "nicht zuständig". Haben "gerade erst den Dienst begonnen". Als einziges ist die Dienstnummer des Beamten zu erfahren, der die beiden eingeschlossen hatte: 9567. Mit Beschwerden, Anzeigen etc. sollten sich die Kollegen an den Polizeiabschnitt 31 wenden.
Zeugen wenden sich bitte an die NEUE.

<- back | next ->