1.2 Ökonomie und Soziales

1.2.1 Neoliberalismus und Deregulierung

Seit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten Osteuropas 1989 bis 1991 erfährt die in den 70er/80er-Jahren begonnene neoliberale Deregulierungspolitik einen dramatischen, weltweiten Radikalisierungsschub. Zugleich gesteuert und begleitet von internationalen Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, schreitet die Zerstörung aller staatlichen Wirtschaftsstrukturen rasch voran. Neben der Privatisierung von Staatsbetrieben und dem immer weitergehenden Rückzug des Staates aus ökonomischen Regulierungsprozessen werden überall staatliche Sozialprogramme gegen Null gefahren und die dabei freiwerdenden Ressourcen über Steuer- und andere Subventionen dem Privatsektor zur Verfügung gestellt.
“Das Ergebnis der Privatisierungen war und ist eine Mafiaökonomie der allgemeinen Bereicherung, mit der sich eine völlig unstrukturierte Ausweitung des informellen Wirtschaftssektors der ‘neuen Selbständigen’ verbindet .”[1341]
Dies geschieht in einer Zeit des Umbruchs von den bisherigen ‘fordistischen’ [1342] zu ‘toyotisierten’ [1343] Arbeits- und Produktionsverhältnissen, in einer “späten und wesentlich durch Deindustrialisierungsphänomene geprägten Phase der Reorganisation des kapitalistischen Weltsystems [1344].
Die Folgen dieses Umbruchs, der weltweiten Deregulierung der Arbeitsmärkte und der sich verschärfenden Konkurrenz der multinationalen Unternehmen sowie der großen wirtschaftlichen Zentren [1345], Länder und Städte untereinander sind eine gigantische soziale Polarisierung und tendenziell die Entstehung eines Proletariats in einer kapitalistischen Welt.

1.2.2 Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau

“Während die Tarifparteien den Mantel der Sozialpartnerschaft über den schleichenden Transformationsprozeß breiteten, wurde seit Mitte der achtziger Jahre eine ‘Deregulierungskommission’ der Bundesregierung aktiv, um die Vorarbeiten zur Anpassung des westdeutschen Arbeitsmarkts an den globalen Deregulierungstrend zu beschleunigen .”[1346]
In der BRD veränderten sich die Arbeitsbeziehungen zwar seit Mitte der achtziger Jahre merklich, blieben aber formell unangetastet. Das ändert sich schlagartig mit dem Anschluß der DDR: Die bislang “eher zögerlich gehandhabten Deregulierungsmodelle [wurden] in Gestalt der Treuhandanstalt mit voller Wucht auf die ‘neuen Bundesländer’ übertragen. In der untergehenden DDR wurde ein neoliberaler Privatisierungsexzeß in Gang gebracht, dem unzweideutig experimentelle Funktion für den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland zukommt .”[1347] Die direkten Folgen sind die schlagartige Zerstörung der volkswirtschaftlichen Substanz der ehemaligen DDR, deren industrielles Produktionspotential von 1990 bis 1993 um ca. drei Viertel geschrumpft ist, und eine sofort einsetzende Massenarbeitslosigkeit: Von ehemals knapp zehn Millionen DDR-Beschäftigten ist inzwischen fast die Hälfte arbeitslos. Vier Millionen Menschen leben mittlerweile teilweise oder vollständig von Arbeitslosengeld bzw. -hilfe, befinden sich in Kurzarbeit, Fortbildung, Umschulung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder wurden in den Vorruhestand geschickt. [1348] “Im Jahr der ‘Vereinigung’ hat sich das größer werdende Deutschland schlagartig und zugleich auf spezifische Weise in die Deregulierungsperspektive des kapitalistischen Weltsystems hineinkatapultiert .”[1349] 1993 wurden offiziell vier Millionen SozialhilfeempfängerInnen, 3,5 Millionen Arbeitslose (2,3 Millionen in West- und 1,2 Millionen in Ostdeutschland) sowie 3,7 Millionen ‘Unterbeschäftigte’, d.h. in Umschulungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ‘geparkte’ Personen, registriert. Der Anteil der Arbeitslosen bzw. ‘Unterbeschäftigten’ am gesamten Arbeitskräftepotential ist auf 20,6% gestiegen. [1350] Im August 1995 schließlich beziffert die Bundesanstalt für Arbeit die Zahl der Arbeitslosen in der gesamten BRD auf 3,578 Millionen - trotz einer im Vergleich zu 1993 deutlichen konjunkturellen Belebung. Gleichzeitig nimmt die Zahl der in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) beschäftigten Personen durch drastische Kürzungen des Bundes in diesem Bereich kontinuierlich ab. Waren 1994 noch 1,75 Millionen Personen in ABM beschäftigt, so sind es ein Jahr später nur noch 1,5 Millionen. [1351] Schon seit langem ist klar, daß auch in Zeiten positiver wirtschaftlicher Entwicklung die Zahl der Arbeitslosen nicht mehr merklich verringert wird. Durch Rationalisierungen und Modernisierung der Unternehmen vor allem im EDV-Bereich werden immer mehr Beschäftigte aus regulären Arbeitsverhältnissen ausgegrenzt. Bereits 1993 gab es in der BRD 2,3 Millionen geringfügig Beschäftigte ohne Sozialversicherung. Auch die Zahl der ‘neuen Selbstständigen’ nimmt rapide zu. Es wird geschätzt, daß mehr als 50% dieser ‘Existenzgründungen’ innerhalb von 5 Jahren wieder eingehen. [1352]

1.2.3 Flexibilisierung

Auch für die (noch) festangestellten Kernbelegschaften, deren Zahl beständig kleiner wird, verschlechtern sich die Bedingungen: Tarifverträge werden immer häufiger “gestreckt, (...) weitgehend durchlöchert [1353] oder schlicht einseitig von Unternehmensseite gekündigt. Und wieder ist es das Gebiet der ehemaligen DDR, auf dem erste Probeläufe in dieser Richtung unternommen wurden. Ebenfalls von den Entwicklungen in Ostdeutschland ausgehend werden die meisten Unternehmensleitungen bei der Frage der Flexibilisierung von Arbeitszeiten - angeblich zur ‘Beschäftigungssicherung’ der ArbeitnehmerInnen sowie der Bewahrung bzw. Verbesserung von ‘Standortvorteilen’ im internationalen Wettbewerb - offensiv. Das eigentliche Ziel ist klar: Die ‘Lohnnebenkosten’ sollen gesenkt, die Produktivität und damit die Gewinne erhöht werden.
Am 12. September 1995 einigen sich die IG Metall und die Unternehmensleitung im größten Automobilkonzern der BRD, den VW-Werken, auf eine vierprozentige Lohnsteigerung und eine Arbeitsplatzgarantie bis Ende 1997. [1354] Gleichzeitig wird jedoch eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten eingeführt, die es ermöglicht, das “Produktion und Arbeitszeit enger an die Nachfrage gekoppelt werden können (...) Das Unternehmen nutzt die Kapazitäten, wenn es sie braucht, und kann die Wochenarbeitszeit bei Bedarf erhöhen. In Flautezeiten soll die angesammelte Mehrarbeit in Form von Freizeit abgegolten werden ”.[1355] Der Samstag wird zwar noch nicht zum regulären Arbeitstag, jedoch werden die bisherigen 50-prozentigen Lohnzuschläge für Samstagsarbeit auf 30 Prozent reduziert. Konzernchef Piech spricht in diesem Zusammenhang vom ‘Traum einer atmenden Fabrik’, der langsam Gestalt annehme - gemeint ist offensichtlich eine sich mit den Betriebszielen völlig identifizierende, flexibel einsetzbare Belegschaft, ganz im Sinne der postfordistische Ideologie. Der erzielte ‘Kompromiß’ wird übrigens “von Vertretern aus Politik, [1356] Unternehmensverbänden [1357] und Gewerkschaften einhellig begrüßt .”[1358]
Insgesamt verschlechtern sich seit 1989/90 die sozialen Bedingungen für einen immer größeren Teil der Bevölkerung in West- und - noch drastischer - Ostdeutschland rapide. Besonders betroffen sind Frauen, Ältere, unqualifizierte Jugendliche und ArbeitsmigrantInnen. [1359]


[1341] Roth, K.-H., Die Wiederkehr der Proletarität, S. 17.
[1342] “Für die fordistische Gesellschaftsformation sei die intensive, auf Rationalisierungsprozessen basierende Akkumulation, das Vorhandensein von Massenproduktion auch im Bereich der Konsumgüterindustrie und dementsprechende Massenkonsummöglichkeiten spezifisch. Dabei wirken zahlreiche kulturelle, politische und soziale Bedingungen ‘regulierend’ zusammen, so daß die Abstimmung von Massenkaufkraft, Massenkonsum und Massenproduktion gewährleistet ist” , Rodenstein, M., in: Häußermann, H., u.a., Stadt und Raum, S. 34 ff.
[1343] Die Vordenker des postfordistischen/toyotistischen Akkumulationsmodells “denunzieren die bisherige fordistische Produktionsweise als starr, etatistisch und hochlohnfixiert. Seit Beginn der neunziger Jahre dominiert nicht mehr Ford, sondern die ‘postfordistische’ Rentabilitätsphilosophie Toyotas (...). Zunächst standen dabei die produktivitätsfördernden Verheißungen der ‘Partizipation’ einer in ‘Betriebsgemeinschaften’ zusammengeschmiedeten Elite von hochentlohnten Gruppenarbeitern im Vordergrund. Fertigung und Qualitätskontrolle wurden wieder zusammengelegt, die Fertigungstiefen abgeflacht, die despotischen Stab-Linie-Strukturen des Verwaltungsapparats zugunsten einer ‘schlanken Produktion’ aufgebrochen. (...) Drei Viertel der gesamten Produktionskapazität werden inzwischen ‘nach unten’ ausgelagert und an die Kette der ‘just in time’-Zulieferungen nachgeordneter Produzenten und Lagerhalter gelegt. Wo sich Widerstand gegen das Diktat regt, kommt die inzwischen international gewordene Niedriglohnkette ins Spiel. (...) Der bisherige Betriebsdespotismus fordistisch zerlegter Arbeitsverrichtungen wird feierlich zu Grabe getragen, um zu einer sprunghaften Potenzierung des Leistungsprofils der Gruppen übergehen zu können. Der bisherige Zeit- und Materialaufwand für ein neues Produkt soll halbiert werden, ebenso die Investitionsquote in Vorrichtungen und Werkzeuge. Drastisch reduzierte Lagerbestände sollen zusammen mit fortlaufenden Freisetzungen beim Verwaltungs- und Fertigungspersonal das bisherige Leistungspotential verdoppeln. Das alles ist nur möglich, wenn sich die Belegschaften in einem bisher nicht gekannten Ausmaß mit dem Betriebsziel identifizieren. Bis hinunter zu den Gruppen an den Taktstraßen sollen nun alle ‘unternehmerisch denken’, ‘selbstreguliert’ handeln und Firmentarife,firmeninterne Ausschüsse und Schlichtungseinrichtungen als ausschließliche Vermittlungsform zur Konfliktsteuerung akzeptieren. Wie in Japan soll es zu einer klaglos verinnerlichten Rundum-Abschöpfung aller körperlichen, mentalen und kognitiven Komponenten der Leistung kommen ”, Roth, K.-H., Die Wiederkehr der Proletarität, S. 19 ff.
[1344] Ebenda, S. 12.
[1345] Gemeint ist hier die “Triade” der drei großen Wirtschaftsregionen Japan-Südostasien, Westeuropa und Nordamerika.
[1346] Ebenda, S. 21.
[1347] Ebenda, S. 21, vgl. auch ebenda, S. 31: In der BRD “vollziehen sich ausgehend vom DDR-Anschluß in extremer zeitlicher Verdichtung gesellschaftliche Umwälzungen, die sich in der übrigen kapitalistischen Welt seit Anfang der achziger Jahre weitaus stetiger entwickelten.”
[1348] Vgl. Ebenda, S. 21 ff.
[1349] Ebenda, S. 22.
[1350] Vgl. Ebenda, S. 22: “Die Grenzen zu den arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Vergleichsgrößen der durch die Präsidialdiktatur Brünings 1930/31 eingeleiteten Deflationspolitik sind inzwischen überschritten.”
[1351] Vgl. RP, 8.9.1995.
[1352] Vgl. Roth, K.-H., Die Wiederkehr der Proletarität, S. 23 ff.
[1353] Ebenda, S. 22.
[1354] Die Tarifvereinbarungen gelten allerdings nur für die rund 100.000 Beschäftigten in den westdeutschen VW-Werken. In den ‘fünf neuen Bundesländern’ sind die VW-MitarbeiterInnen im Metall-Tarifvertrag in einer niedrigeren Gehaltsstufe eingruppiert.
[1355] RP, 13.9.95.
[1356] Bundeswirtschaftsminister Rexrodt (FDP) sprach von einer “angemessenen Lösung ”,vgl. RP, 13.9.95.
[1357] Der Verband der Automobilindustrie (VDA) bezeichnete den Abschluß als “wichtigen und richtigen Schritt” zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung, vgl. ebenda.
[1358] Ebenda.
[1359] “Ältere Arbeitnehmer, Frauen, Ausländer, Schwerbehinderte und Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung gehören zu den sogenannten ‘Problemgruppen’ des Arbeitsmarktes” , Statistisches Bundesamt, Datenreport 1994, S. 94. Besonders deutlich sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, wenn die Arbeitslosigkeit von Frauen betrachtet wird: Während im Westen 1993 ‘nur’ 8,7 % der Frauen arbeitslos gemeldet waren, betrug diese Zahl im Osten 25,5 % (bei 13,5 % arbeitslosen Männern im Osten). Vor allem die ostdeutschen Frauen, die in der früheren DDR wesentlich stärker am Arbeitsleben teilnahmen als die Frauen in der BRD, gehören also zu den HauptverliererInnen des Anschlusses der DDR, vgl. ebenda, S. 76.


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