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Reaktion der Presse Die Saat der Gewalt Das Blut, auf der Potsdamer Straße war kaum getrocknet, als die
wechselseitigen Schuldzuweisungen begannen. Jeder wies mit dem Finger
in die Ecke, in der er selbst nicht steht. Niemand fragte, jedenfalls
nicht laut und öffentlich, wieviel Schuld er selbst mitträgt
an dem Tod eines jungen Mannes. Nicht fragte sich Heinrich Lummer, ob die Sicherheit des Rechtsstaates seit gestern, als der Innensenator zur Räumung von acht besetzten Häusern blasen ließ, wirklich größer geworden ist, ob der Staat nicht vielmehr Schaden genommen hat? Nicht fragte sich die "Neue Heimat", ob die Inanspruchnahme eines Rechtstitels
zum jetzigen Zeitpunkt nicht größeren Schaden aufwühlen
würde, als er bei einigem Zuwarten entstanden wäre? Nicht fragten sich Sympathisanten und "Paten" der Hausbesetzer, ob sie in den zurückliegenden Wochen und Tagen gelegentlich zur Entspannung der Situation, ob sie nicht vielmehr zur Schürung des gegenseitigen Hasses beigetragen hatten? Nicht fragten sich AL und Jusos, und Judos, ob sie mit ihren rechthaberischen
Demonstrationen und einäugigen Schuldzuweisungen nicht zusätzlich
Öl ins Feuer gegossen hatten, anstatt es löschen zu helfen? Schon gar nicht fragte der Pöbel innerhalb der Besetzerszene, welches gerüttelte Maß an Schuld ihn an der Brutalisierung eines Kampfes trifft, in dem es längst nicht mehr um leere oder besetzte Häuser geht? Schlimmer: Die Szene hat jetzt ihren Märtyrer, und sie wird in seinem Namen jeden labilen, Jugendlichen, der kaum weiß, wovon er spricht, einzuspannen suchen in noch mehr Haß auf diesen Staat, auf diese Gesellschaft.Über den Toten selbst, über seine mögliche Rolle innerhalb der Szene; über seine Motive, die ihn gestern auf den Winterfeldtplatz trieben, läßt sich zur Stunde Schlüssiges noch nicht sagen. Zu widersprüchlich waren die Nachrichten den 'ganzen Tag über. Vorschnelle Verurteilungen und vorschnelle Freisprüche sind schon genug gefallen. Aber zwei Fragen, die gestern kaum gestellt wurden, wollen wir eindringlich
stellen - Eine an den Senat. Hat es gelohnt, um eines Rechtstitels willen, zu dessen
Eintreibung kein Zugzwang bestand, gestern dieses massive Risiko zu laufen,
das neben einem Toten noch zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten kostete? Eine
an die Hausbesetzer: Lohnt die hartnäckige Verweigerung, in die sie
sich flüchten, lohnt blindwütiges Anrennen gegen die Gesetze selbst
Tote und Verletzte? Wenn jetzt von beiden Seiten nicht konsequent nach Befriedung gesucht wird, wenn der Terror der Straße und der Anspruch auf das staatliche Gewaltmonopol sich wechselseitig eskalieren, dann wird der Tote in der Potsdamer Straße nicht der letzte gewesen sein! HANS HÖPPNERVolksblatt Berlin, 23.9.81 |
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